Realität im virtuellen Kostüm

15 05 2008

Jeder hat schon mal von Niko Bellic gehört. Nein? Nun, das ist der Videospielheld im kürzlich erschienen Grand Theft Auto 4, und zumindest dieser Titel dürfte für jeden nonpassionierten Gamer ein Begriff sein, gar Musik in den Ohren. Die Verkaufszahlen sprechen eine eindeutige Sprache, doch verbirgt sich hinter der Fassade eines großartigen Namens auch eine Welt, die lebt und fühlt, den Spieler die Freiheit lässt, die er braucht, aber trotzdem an die Hand nimmt, um Nikos Schicksal zu schüren?

Das Grafikgerüst von GTA 4 macht vor kleinsten Details, wie zum Beispiel das korrekte Heben und Senken des Fußes, wenn Nico auf einem Objekt (wie z.B. einer gerade mit Blut dekorierten Leiche) steht, nicht halt und offenbart mit fließendem Stadtverkehr, lebendigen Figuren und einer detailgetreuen Nachbildung einiger New Yorker Stadtteile auf erschreckend penible Weise eine Welt, die uns die Münder offen stehen lässt. Die Animationen sind einzigartig, reichen von einfachen Veränderungen der Körperhaltung während eines gemütlichen Schlenderganges durch die Stadt bis hin zu physikalisch korrektem Verhalten eines Torsos, der mit der Knautschzone von Nikos „ausgeborgtem“ Vehikel Bekanntschaft macht. Die Geräuschkulisse ist abartig vielfältig, das Sprachenwirrwarr der Stadt lässt neben mehreren Kulturen auch einzelne Stimmungsschwankungen erkennen und präsentiert somit den möglichen Tagesablauf eines Passanten. Von der Synchronisation ganz zu schweigen. Die macht ihren Job wie immer hervorragend. Stimmen hauchen Personen Leben ein, machen sie glaubwürdig oder unabsichtlich ironisch, manchmal gar dämlich. Tatsächlich aber sind es die Dialoge, die ein Gespräch nicht nur zu einem Wortwechsel zweier Personen machen, sondern jene mit Humor, Erotik und Hass gewürzten Gespräche greifbar werden lassen.

Die Liebe zum Detail der Rockstar-Entwickler ist ebenso eindeutig erkennbar, wie der Erfolg des Spiels an der Kasse. Nicht einzelne Faktoren sind es, die uns durch ihre Glaubwürdigkeit Angst machen. Erst das Zusammenspiel zwischen eindrucksvoller Grafik, abwechslungsreichem Sound, glaubwürdigem Physikverhalten und professionell geschriebenem Drehbuch bilden eine beinahe perfekte Synthese, die unsere Sinne umnebelt. Es ist keine Neuerfindung, doch es braucht nicht immer Unbekanntes, um in seinen Bann zu ziehen. Atmosphäre entsteht durch glaubwürdige Eindrücke, sie erinnert den Spieler, dass er noch lebt, zeigt ihm aber eine andere Welt hinter der Mattscheibe. Taucht man in diese ein, so hat das Spiel geschafft, wofür es produziert wurde und die Stunden vor der Konsole fließen durch die Hände wie der Staub durch die Sanduhr. Das Spiel ist nicht nur ein Spiel, es fühlt sich trotz seines Mediums als virtuelles Videospiel real an, als hätte sich ein Organismus in einem Stück Software verirrt, der auf obszöne Weise das Herz antreibt. Das Spiel wird lebendig. Grundvoraussetzung dafür sind die Zutaten von Grand Theft Auto 4 und zugleich Alltagsgegenstände Niko Bellics, mit dem man sich ausgesprochen gut identifizieren kann. Ob man das möchte, muss jeder für sich allein entscheiden. Mir hat es großen Spaß gemacht, Gangster zu spielen, als Gangster zu leben.

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