Die Macht der Freispiele

17 05 2008

In der heutigen Zeit, wo die Chipherstellung in Größe eines Stecknadelkopfes keine Zukunftsmusik, sondern längst zum gewöhnlichen Alltag geworden ist, wächst der technische Fortschritt unaufhaltsam weiter. Mit der Erfindung des Videospielens avancierte eine banale Idee des Unterhaltens zum gesellschaftlichen Massenmedium, das sowohl heute, als auch in Zukunft mehr und mehr Menschen in seinen Bann zieht. Fotorealistische Grafik und Heimkinofeeling haben allerdings ihren Preis: wortwörtlich sind es die finanziellen Mittel selbst, die hier den Ton angeben, machen sie ein Eintauchen in die Welt des heutigen Spielens doch erst möglich. Die Gears of Wars und Call of Dutys dieser Welt, aber auch eine unglaublich lange Liste von sich derzeit in der Produktion befindenden Titeln mit Unreal-Engine 3, kämpfen um die Gunst als potenzieller Augenschmaus. 60 bis 70 Euronen werden dem Spieler für diesen kurzen Genuss abgezwackt, denn in der Tat sind o.g. Titel im Solomodus nur Appetithäppchen und rechtfertigen den Preis in keinster Weise, weshalb viele Zocker dazu gewillt sind, erst nach einigen Monaten das Spiel aus einer nahe liegenden Videothekfiliale näher zu betrachten.


In der heutigen Zeit hat sich allerdings auch ein anderer Ast des Spielens entwickelt, der trotz kommerzieller Kassenschlager prächtig gedeiht und sich längst in der Blütezeit befindet.

Es ist kein Problem mehr, in die unendlich faszinierende Welt des Internets einzutauchen. Die Welt der kostenlosen Browser- und Downloadgames wird somit endlich greifbar, die überraschenderweise Innovationen und Ideen ans Tageslicht bringt, die wir in so manch anderem kostenpflichtigen Spiel vermissen. Egal ob Puzzlespiel oder Simulation, Fun-Shooter oder MMO, das Internet ist ein Schlaraffenland für kostenlose Spiele, bietet reichlich Futter für jeden Genreliebhaber und dürfte somit eine echte Alternative für Spieler darstellen, die nicht 24 Stunden am Tag hinter zugezogenen Rollläden verbringen und mit virtuellen Waffen auf Köpfe vermummter Terroristen zielen. Denn Freispiele haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber den schön verpackten Plastikhüllen des Videospielgeschäfts: sie kosten keinen Pfennig. Die meist einfache Bedienung und Zugänglichkeit sucht selbst in der kapitalistischen Spielentwicklungs-Branche seinesgleichen. Arcade-Häppchen entwickeln sich, entgegengesetzt zum überteuerten Angebot von Onlinemarktplätzen heutiger Konsolen, zur kostenlosen Spaßgranate. Wo man in ogame eine Basis errichtet, seine Produktion ausbaut und Flugarmeen herstellt, wartet in Ikariam eine Insel darauf, besiedelt zu werden. Doch auch viele tausend andere Spiele greifen auf ein simples Spielprinzip zurück, was für weit mehr als 100 Stunden an den Bildschirm fesselt und der Konsole im Schrank ein müdes Lächeln zuwirft. Trotz minimalistischer Darstellung gelten Browserspiele als weit verbreitetes Unterhaltungsmedium, gar als Sport. Das Anstacheln vermeintlicher Feinde und Eliminieren möglicher Konkurrenz entwickelt unglaubliche Energie des Ehrgeizes, die es mit Starcraft-Veranstaltungen der Koreaner aufnehmen könnte.

Interessanterweise entdeckt man hier Spielelemente, die einem Flop des kommerziellen Videospielgeschäfts das Leben hätte retten können. Das Adventure Samorost aus dem tschechischen Kleinod greift durch eine fantasievoll designte Welt den Spieler nicht nur am Kragen, sondern zwingt ihn mit poetischem Charme regelrecht, sich mit der interaktiven Welt auseinanderzusetzen, um die surreale Umgebung eines kleinen Männchens kennen zu lernen. Umso erfreulicher ist es, wenn man von wenigen Spielentwicklern dieser Welt etwas gratis bekommt. In einer Welt, wo Multiplayer-Maps oder Gamecontent für eine Hand voll Dollar in Form virtueller Punkte auf dem Marktplatz wachsender Konsolennetzwerke zum Download bereitstehen, sind kostenlose Zusatzinhalte mehr als nur eine Seltenheit; sie avancieren zur Rarität. Mit Trackmania Nations Forever erschien erst kürzlich ein Fun-Rennspiel, was mit seinem umfangreichen Editor nicht nur die Community zusammenschweißt, sondern auch mittels starker Online-Plattform das Zusammenspiel fördert. Ähnliches kennt man im weiteren Sinne nur von Guild Wars, wo abenteuerfreudige Fantasiegestalten finanziell ungebunden Erfahrung sammeln und Azeroth-Bewohnern ihr hämisch grinsendes Antlitz offenbaren.
Es mag unser Fluch sein, in einer Zwickmühle zweier Videospielwelten festzuhängen. Doch wer den Mut hat, den oftmals mehr versprechenden, als ideenverwirklichenden Entwicklern dieser Zeit den Rücken zu kehren, sich stattdessen an den Internetbrowser zu setzen, ja der wird die Liebe zum Detail in der Spielewelt wieder erkennen und die im Keim erstickte Hoffnung an Spielinnovationen wird vielleicht wieder ihr verängstigtes Gesicht dem Licht zuwenden.

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